Erlebnisbericht Photo Shoot „Blowing In The Wind“

Ihr habt bestimmt schon die atemberaubenden Bilder von Fotograf Sebastian Wahlhuetter gesehen, u.a. auf unserem Instagram- und Facebook-Profil. Für alle Interessierten gibt es nun hier einen Erlebnisbericht von Agi:

 

 

Blowing in the wind

Wir müssen heute stark sein. Stark wie Frauen. Dabei bin ich mir nicht einmal sicher, was genau das heißt. In ein paar Stunden sollen wir jedenfalls am Peilstein in 40m Höhe an einer Highline baumeln und dabei auch noch gut aussehen. Wir sind aufgeregt und freuen uns. Und wir haben Angst. Angst, dass wir nicht stark genug sind um von unseren Tüchern wieder zurück auf die Highline und an das rettende “Festland” zu kommen. Angst, dass uns der Mut verlässt und wir den Samstag doch lieber mit einem Spritzer am Pool verbringen würden. Angst, dass wir alle akut höhenkrank werden, weil sich die 40m durch das darunterliegende Tal, in Wirklichkeit anfühlen wie 300m.  Angst, dass wir uns verheddern und die Nacht kopfüber hängend in der Schlucht verbringen müssen. Angst, zu enttäuschen. Das gute ist, wir sind nicht alleine. Wir sind vier starke Frauen, die seit vielen Jahren Luftakrobatik machen. Wir kennen uns und wir vertrauen einander. Und auch wenn wir alle natürlich zusätzlich ein 5m Sicherungsseil an unseren Hüften befestigt haben, weil 40m sind doch ganz schön viel, wollen wir die Belastbarkeit von unseren sexy Ninja-Klettergurten lieber nicht austesten. Wir sind es gewohnt unsere Leben in den eigenen Händen zu halten. Im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Zugeben, unser Shooting-Tag startet nicht gerade unter den besten Voraussetzungen. Als hysterischer Haufen kommen wir am Parkplatz an, überfordern den Fotografen und den Highline-Meister gleich einmal mit möglichen Tuchfarben (passt das orangene nicht doch besser zu dem rosaroten?) und präsentieren unseren neuesten Stolz – vier weiße, wunderschöne Tutus, die sich sicher perfekt auf den Fotos machen werden. Wir ernten skeptische Blicke, entscheiden uns zur Sicherheit einfach dazu alle verfügbaren Silks mitzunehmen und sind dann erst einmal kurz baff, als wir realisieren, dass wir nicht ein paar Meter ums Eck, sondern rauf auf den Peilstein müssen. Bestückt mit viel zu kleinen Rucksäcken, Handtaschen, Plastiksackerln und zusätzlichem Kamera- und Highline-Equipment, machen wir uns auf den Weg und versuchen uns nichts anmerken zu lassen. Wenigstens hat niemand von uns hohe Schuhe an! (Alles schon passiert.)

Die Silks um unsere Schultern geschlungen wie edle oversized Schals,  realisieren wir bald, dass wir unbedingt eine kurze Pause machen müssen. Outfitwechsel. Zu heiß. So ist es gleich viel besser. Dann heißt es Trinkpause, auch um die Taschen und Rucksäcke leichter zu machen. Viiiiel besser. Und dann müssen wir ganz dringend unsere Tutus anziehen, um Ballast loszuwerden und, seien wir mal ehrlich, dem Hauptgrund – Tutus sind einfach awesome und wir brauchen ein bisschen Motivation für den Anstieg.

Ich bin mir sicher, noch nie hat jemand so lange auf den Peilstein gebraucht, wie wir.
Ein bisschen frage ich mich immer noch, wieso Fotograf und Highline-Meister das Shooting nicht an diesem Punkt aus Sicherheitsgründen und um uns vor Peinlichkeiten zu bewahren, vorzeitig abgebrochen haben.  Wie sollen wir dass dann auf den Tüchern machen, wenn wir schon von ein paar lächerlichen Höhenmetern so ins Schnaufen kommen?

 

Ich ertappe mich dabei, wie es mir ein Bedürfnis ist zu kommunizieren, dass wir nicht wirklich so dermaßen unfähig sind. Ich will den Leuten, die nach erfolgreicher Wanderung bereits bei der Hütte sitzen zurufen, dass wir eigentlich total fit sind. Und den Typen von der Bergrettung wissen lassen, dass wir alle Klimmzüge können und ziemlich stark sind und bald über dem Abgrund pendeln werden, er uns aber ganz sicher nicht retten muss. Ok, das sollte ich vielleicht nicht der Bergrettung stecken. Aber zumindest, dass ich sogar fast meinen Trekkingrucksack mitgenommen hätte. Dass ich in meiner Freizeit auch manchmal freiwillig auf Berge gehe. Dass ich vor ein paar Monaten auf über 5000m war, zwar langsam wie ein Faultier, aber mit meinen eigenen zwei Beinen und sogar ganz ohne Tutu.

Ich ärgere mich darüber, dass ich überhaupt solche Gedanken habe. Es sollte keinen Unterschied machen, was die anderen denken. Wir selbst wissen, wo unsere Stärken und unsere Schwächen liegen. Das sollte uns genug sein.
Wir haben auf jeden Fall erst einmal genug vom bergauf gehen, als wir endlich oben ankommen. Zum ersten Mal stehen wir Aug in Aug mit „unserer“ Schlucht und der Ausblick ist atemberaubend. Da werden wir also in Kürze hängen. Wow.

 

Für’s Erste können wir uns aber erst einmal entspannen und Fotograph & Highline Meister ihre Arbeit machen lassen. Marion hat, stark wie eine Frau, nicht nur daran gedacht zwei Flaschen Mineral und zwei Packungen Apfelsaft für uns einzupacken, sondern die ganzen zusätzlichen Kilos auch noch heimlich auf den Berg geschleppt. Wir jausnen, machen lustige Fotos mit den Tutus und spüren wie sich das Adrenalin langsam seinen Weg durch unseren Körper bahnt. Ein bisschen dürfen wir auch beim Riggen helfen, was gut ist, weil dann kommen wir nicht auf blöde Ideen kommen uns weniger deplatziert vor. Lena sitzt da auf den Felsen, in weißem Top und ihrem Tutu wie ein Engel und zieht mit einer Angel auf wunderbar fantastische Art und Weise einen Faden über die Schlucht. Ich mag Momente, in denen unmögliche Dinge, möglich werden. Und so, hier oben, in guter Gesellschaft mit dieser großartigen Aussicht, steh ich unserer Zukunft an der Highline schon sehr viel zuversichtlicher gegenüber.

Bis ich ein Stückchen weiter auf einem spitzen Felsen ein Paar entdecke, das Richtung Gipfel klettert. Ich denke mir „Wow, wie cool sind die bitte!“ und dann kommt er oben an, streckt so richtig episch die Hände zur Seite, genießt die Aussicht, entdeckt uns in unseren Tutus und… fängt an zu lachen. Er lacht so laut, dass es über den ganzen Abgrund zu uns herüberschallt und es ist beim besten Willen kein begeistertes Lachen, sondern ein Lachen, das sagt „Gib dir bitte einmal die lustigen Vögel da drüben!“.

Und schon wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mir wünsche, dass die beiden auf ihrem kleinen Felsspitz noch ein paar Stunden stehen bleiben, damit sie sehen, wie gut wir schrägen Vögel in Wirklichkeit fliegen können. Dass wir mehr drauf haben, als man auf den ersten Blick sieht.

 

Heißt es vielleicht auch eine starke Frau zu sein, wenn man sich keine Sorgen macht, was die anderen von einem denken? Ich weiß auf jeden Fall, dass wir jede Woche in unseren Luftakrobatik-Kursen unzählige, starke Mädchen und Frauen haben, die uns ganz sicher nicht wegen Tutus auslachen würden. Regelmäßig zücke ich meinen imaginären Hut vor unseren Schülerinnen, die, etwaigen bösen Erinnerungen an das Schulturnen zum Trotz, ihr Bestes geben um an den Tüchern klettern zu lernen, die nicht umdrehen, obwohl sie innerlich immer noch zusammenzucken, wenn sie Felgeaufschwung hören, die trotz Höhenangst wieder und wieder kommen, die von Mal zu Mal stärker werden und die unglaublichsten Figuren in der Luft lernen, die sich nicht unterkriegen lassen, wenn etwas weh tut oder einmal ein bisschen länger dauert und die auch den Mut haben zu sagen, wenn der neue Drop heute vielleicht noch zu viel ist, aber nächste Woche, nächste Woche kommen sie wieder und vielleicht klappt es dann.
Unter den Umständen kann heute eigentlich gar nichts schief gehen. Schlimmsten Falls erkennen wir, dass die Angst zu groß ist. Auch das braucht Mut.

 

Die Zeit vergeht viel zu schnell und ich muss aufhören mir Gedanken zu machen, weil es wird ernst. Eine nach dem anderen wagen wir uns als ersten Testrun einzeln auf die Highline. Vom Felsen aus hängen wir uns ein und ziehen uns mitsamt dem Tuch in die Mitte. Am schwierigsten ist es von der Highline auf das Silk und dann auch wieder retourzukommen. Vor allem das Zurückziehen braucht Kraft. Aber siehe da, wie durch ein Wunder klappt alles wie am Tuch, eh ich meine Schnürchen und auch Fotograf und Highline Meister sind erstaunt. Anscheinend brauchen die ganzen „harten Kerle“ oft sehr viel länger und sehr viel mehr gutes Zureden, bis sie sich zum ersten Mal auf die Highline wagen. Das  hören wir natürlich gerne.

 

Wir machen einen zweiten Probedurchlauf, bei dem wir zu mehrt auf die Highline gehen und mittlerweile haben wir schon richtig Spaß. Die Aussicht ist unglaublich, der Wind spielt mit den Tüchern und nach wie vor funktioniert alles reibungslos. Leider ist das Kletterpaar mittlerweile von ihrem Felsspitz verschwunden, aber alle anderen Leute, die vorbeikommen, bleiben mit offenen Mündern stehen, aus denen kein Lachen, sondern Anerkennung kommt. Ich denk mir, genau wie bei den negativen Reaktionen, sollte ich vielleicht auch nicht zu sehr auf die positiven bauen, weil am Ende des Tages soll ein gutes Foto für den Fotografen dabei rausschauen und wir sind um eine unglaubliche Erfahrung reicher, ganz egal wie viele Leute gesehen haben, wie wir da supercool hängen oder wie wir den Berg hinaufkeuchen.

Aber dann erzählt der Highline Meister, wie männerdominiert die Highline-Szene immer noch ist und dass es zwar unglaublich gute Frauen gibt, die aber eher einfach ihr Ding machen und nicht auf Ruhm und Anerkennung in den weiten des Internets aus sind.  Wir ertappen uns dabei, wie wir uns verlegene Blicke zuwerfen. Ein bisschen eine Rampensau haben wir schon alle vier in uns und regelmäßig finden sich unsere Fotos und Videos auf Social Media wieder. Auch wenn wir Luftakrobatik schlussendlich machen, weil wir Luftakrobatik lieben, sind wir doch stolz auf das was wir können. Es war ja auch harte Arbeit. Und vielleicht ist es auch gar nicht so schlecht, wenn wir sichtbar machen, dass es verrückte Frauen in Tutus gibt, die noch dazu super stark sind.

 

Und dann ist es auch schon so weit und pünktlich zum Sonnenuntergang starten wir zu unserem eigentlichen und wichtigsten Durchlauf. Zu viert hängen wir da, topmotiviert unser Bestes zu geben und dann ziehen plötzlich Wolken auf und der Wind lässt nach. Na super. Den ganzen Tag super sonnig und super windig und jetzt, wenn es drauf ankommt, lässt uns das Wetter hängen. Da können wir noch so gut vorbereitet sein, gewisse Dinge lassen sich nicht beeinflussen. Damit müssen wir jetzt einfach leben. Und selber umso heller leuchten vor den dunklen Wolken hinter unseren Rücken. Zum Glück haben wir unsere Tücher, in wunderbar warmem Farbverlauf und wenn kein Wind da ist, müssen wir uns einfach selber einen machen. Bei den langen Tüchern zwar ein bisschen anstrengend, aber das kriegen wir hin.

Wir machen ein Set nach dem anderen, Figur nach Figur und dann passiert es. Lenas Tutu verknotet sich mit dem Silk und sie kommt weder vor noch zurück. Sie zieht und zerrt und plötzlich hört man hört Stoff reißen. Uns bleibt das Herz kurz stehen, weil an Silks hängend, ist reißender Stoff wirklich das allerletzte, das man hören will. Aber zum Glück ist es nur das Tutu und nachdem Lena immer noch feststeckt, schlüpft sie einfach kurzerhand nach unten durch. Da hängt es jetzt einsam wie ein kleines weißes Wölkchen auf den Tüchern und es ist doch ganz schön ironisch, dass gerade das blöde Tutu zu dem kritischsten Moment in der ganzen Aktion gesorgt hat.

Gleichzeitig sind wir alle froh und erleichert, dass nichts Schlimmeres passiert ist und nach einem kurzen Moment des kollektiven Durchatmens machen wir weiter.

 

Als wir alle wieder festen Boden unter den Füßen haben, sind wir mehr als zufrieden und vor allem auch dankbar, dass wir diese unglaubliche Erfahrung machen durften. Jetzt können wir auch endlich unseren Eltern erzählen, was wir den ganzen Tag so getrieben haben. Manches erzählt man besser erst im Nachhinein.

Immer noch mit Adrenalin im Blut beginnen wir den Abstieg. Es ist schon finster, aber Sophies Tutu hat unglaublicher Weise eingebaute Mini-Lämpchen und leuchtet uns den Weg. Ich lasse die Momente an der Highline noch einmal Revue passieren und mir fällt ein, dass der Fotograf die Serie „Blowing in the Wind“ nennen will. Vielleicht ist das auch die Antwort auf meine Frage, was denn nun eine starke Frau ausmacht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wir waren heute die Antwort. Nicht nur mit unseren Muskeln, sondern mit all unseren Stärken und Schwächen, mit unseren Ängsten, Wünschen, Sorgen und verrückten Ideen. Vielleicht ist eine starke Frau, „einfach“ eine Frau, die zu sich selbst steht und nicht nach den Erwartungen der anderen lebt. Vielleicht ist in Wirklichkeit auch jede Frau eine starke Frau. Mit einem Lächeln auf den Lippen, hopse ich weiter Sophies leuchtendem Tutu hinterher, was so ein passendes Sinnbild für den heutigen Tag ist, dass ich gar nicht anders kann, als das Lächeln zu einem Grinsen wachsen zu lassen.

„The answer my friend, is blowing in the Wind. The anwer is blowing in the wind…“